Preisentwicklung österreichischer Larps seit 2001

Im Zuge einer Diskussion über Larp-Preise und die (von mir postulierte) “magische 100€-Schwelle” bei österreichischen Larp-Preisen habe ich den Versuch unternommen, Larp-Preise aus verschiedenen Jahren systematisch zu sammeln und inflationsbereinigt zu vergleichen.

Das Wichtigste zuerst:

  • Absolut betrachtet haben Larp-Preise in Österreich seit 2001 zugenommen.
  • Berücksichtigen wir aber die Inflation, so ist seit 2001 keine signifikante Preissteigerung zu beobachten.
  • Seit 2013 (und mit besserer Datengrundlage) zeigt der Trend sogar nach unten.
  • Deutlich angestiegen sind hingegen die Kosten für Larp-Locations.
  • 100 Euro im Jahr 2000 sind inflationsbereinigt so viel wert wie 140 Euro im Jahr 2020.

Erhebung der Daten

Bei der Datensammlung ergaben sich drei grundlegende Probleme:

  1. Viele Larps waren nie öffentlich ausgeschrieben. Diese Masse an “grauen Larps” ist statistisch nicht zu erfassen.
  2. Viele alte Larp-Ausschreibungen sind, auch wenn sie einst öffentlich waren, heute nicht mehr auffindbar.
  3. Die Zugänglichkeit verschiedener Larp-Orgas bzw. deren Kooperationsbereitschaft fiel erwartungsgemäß unterschiedlich aus bzw. hing wohl vor allem stark von meinen persönlichen Beziehungen ab. Während manche (befreundete) Orgas bereitwillig Zeit investierten, um mir umfangreiches Datenmaterial zur Verfügung zu stellen, haben andere Orgas auf meinen Aufruf nicht reagiert. Da ich zudem natürlich längst nicht alle Orgas kenne, kann ich leider nicht den Anspruch erheben, eine repräsentative Stichprobe der österreichischen Larp-Szene gezogen zu haben.

Als meine primäre Datenquelle habe ich larp.at herangezogen. Im dortigen Kalender haben seit 2013 die meisten größeren Orgas ihre Larps angekündigt (Der Kalender auf larp-oesterreich.at etabliert sich seit kurzem als neuer Standard, dieser verfügt aber (noch) nicht über historische Daten.) Die auf larp.at öffentlich abrufbaren Informationen sind für diese Analyse sehr wertvoll, da sie eine weitgehend repräsentative Stichprobe österreichischer Larps darstellen und eben nicht von meinen persönlichen Kontakten abhängig sind. Eingeschränkt wird die Repräsentativität allerdings durch den Umstand, dass manche Orgas auf larp.at nur Termine, aber keine Preise bekanntgaben.
Zusätzlich habe ich einen ad-hoc Aufruf unter verschiedenen Orgas gestartet, um zusätzliche Datenpunkte vor allem zur Zeit vor 2013 zu gewinnen. Teilweise konnte ich dabei auch zusätzliche, nichtöffentliche Daten zu den Kosten von Larp-Locations gewinnen.

Insgesamt konnte ich 206 Larp-Events erfassen:

Deutlich erkennbar ist der Anstieg ab 2013, der auf die Datenquelle von larp.at zurückzuführen ist.

Methoden

  • Für die weiteren Analysen zu Larp-Preisen habe ich nur jene 143 Larps herangezogen, die ein Wochenende bzw. 3 Tage gedauert haben. (Kürzere oder längere Larps können kaum äquivalent verglichen werden.)
  • Ich habe mich auf die “Vollpreis”-Kategorie beschränkt. In den meisten Fällen ist damit die Teilnahme als “SC” bzw. “Spielercharakter” gemeint. (Larp-Preise für “NSC” bzw. “Nichtspielercharaktere” sind, wenn verfügbar, meist wesentlich günstiger.)
  • Da viele Larps (abhängig vom Einzahlungsdatum) gestaffelte Preise verlangen, habe ich mich bei den Analysen zugunsten der Vergleichbarkeit jeweils für die unterste Staffel entschieden.
  • Zur Inflationsbereinigung habe ich die Larp-Preise mit dem “Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI)” angeglichen, als Referenzwert habe ich das Jahr 2000 angenommen.
  • Zur Überprüfung der statistischen Signifikanz habe ich lineare Regressionsmodelle mit Larp-Datum als unabhängige und Larp-Preis als abhängige Variable berechnet (Signifikanzniveau 5%).

Auswertung

In der folgenden Grafik sehen wir auf einen Blick, welche Preise seit 2001 für Wochenend-Larps verlangt werden (noch ohne Berücksichtigung der Inflation). In der Grafik sind (mit blauen Balken) die niedrigsten Staffelpreise eingezeichnet. Mit einem Klick auf die Pfeile seitlich an der Grafik könnt ihr zu den höchsten Staffelpreisen (rote Balken) wechseln. Zur übersichtlichen Darstellung wurden die Preise jeweils auf die nächstliegende 5€-Marke gerundet.


Wie hat sich die Preisgestaltung nun im Laufe der Jahre entwickelt? Dazu betrachten wir jetzt nur die untersten Staffelpreise: Jeder Punkt ist ein Wochenend-Larp. Auf der horizontalen Achse ist das Datum, auf der vertikalen Achse der Preis des Larps eingezeichnet. Ohne Berücksichtigung der Inflation ist ein statistisch signifikanter Preisanstieg zu beobachten (visualisiert durch die nach rechts hin ansteigende blaue Regressionsgerade).

Mit einem Klick auf die Pfeile seitlich an der Grafik könnt ihr aber zur inflationsbereinigten Version wechseln. Wenn man die inflationsbereinigten Preise betrachtet, wird die blaue Regressionsgerade beinahe eben, die inflationsbereinigten Preise sind seit 2001 also nicht (statistisch signifikant) angestiegen. (Die graue Fläche um die Gerade stellt das Konfidenzintervall des Regressionsmodells dar.)


Wenn wir die ad-hoc erhobenen Daten ausblenden und nur den repräsentativen Datensatz von larp.at betrachten, so zeigt sich (inflationsbereinigt) folgendes Bild: Die Preise haben sich auch hier nicht signifikant verändert, allerdings zeigt der Trend seit 2013 sogar nach unten:

Kostenentwicklung von Larp-Locations

Da ich von einigen befreundeten Orgas auch nicht-öffentliche Daten zu Locationkosten und am Larp anwesenden Personen erhalten habe, konnte ich zusätzlich eine inflationsbereinigte Analyse zur Kostenentwicklung von Larp-Locations berechnen. Der Datensatz ist mit 25 Larps zwar sehr klein, erlaubt aber trotzdem eine Trendabschätzung; der Preisanstieg ist statistisch signifikant. Hier habe ich die Locationkosten pro Person visualisiert:

Diskussion

Diese Analyse zeigt, dass die Preise für österreichische Wochenend-Larps seit 2001 bemerkenswert konstant geblieben sind, wenn wir die Inflationsentwicklung mitberücksichtigen.
Pikant ist in diesem Zusammenhang die ergänzende ad-hoc Analyse zur Preisentwicklung von Larp-Locations: Hier ist nämlich seit 2001 eine deutliche Steigerung der Location-Kosten pro Person zu beobachten. Natürlich konnte ich bei diesem sehr groben Vergleich nicht zwischen Zelt-Larps mit Selbstversorgung und luxuriösen all-inclusive-Larps unterscheiden. Ich kann also nicht sagen, ob bestehende Larp-Locations immer teurer werden oder ob wir einfach immer spektakulärere Larps veranstalten. Allerdings liegt der Schluss nahe, dass Larp-Locations anteilig immer mehr Geld von unseren Larp-Budgets verschlingen.

Interessant ist dabei ein Blick auf die Preisgestaltung unserer Larps: Bei den teuersten Preisstaffeln ist eine Häufung bei 100€ zu beobachten. Direkt rechts von dieser einsamen Spitze – bei 105€ – findet sich dann hingegen kein einziges Larp. Die 100€ sind in unseren Köpfen wohl tatsächlich so etwas wie eine magische Schwelle für österreichische Larps, die nur selten übersprungen wird.

Zur zweifelhaften Repräsentativität der Daten habe ich beim Abschnitt zur Datenerhebung bereits einiges gesagt. Der Ansatz, Orgas aktiv zur Herausgabe von Daten zu bitten, muss sich den Vorwuf gefallen lassen, dass der resultierende Datensatz stark von der Community-Vernetzung des jeweiligen Bittstellers abhängen wird. Darüberhinaus wäre es denkbar, dass gerade jene Orgas, deren Larps besonders günstig sind, eher dazu bereit sind, ihre Daten zur Verfügung zu stellen als jene Orgas, die eher teurere Larps veranstalten.
Ich habe versucht, diesem Umstand durch eine gesonderte Analyse der bei larp.at frei verfügbaren Daten zu begegnen. Die Ergebnisse stützen erfreulicherweise die grundlegende Aussage, dass die Larp-Preise inflationsbereinigt konstant bleiben.

Durch die Arbeit mit den Daten wurden natürlich auch weitere, möglicherweise spannende Fragen zur Entwicklung unserer Larp-Szene aufgeworfen: Wie hat sich die Popularität verschiedener Larp-Regelwerke im Verlauf der Jahre entwickelt? Wie häufig waren Zelt- oder Selbstversorger-Larps damals und heute? Werden unsere Larps immer größer? (und vieles mehr…)

Ich würde die weitere Beforschung unserer Larp-Szene durch seriös agierende Forscher*innen natürlich begrüßen. Dies würde aber einen grundlegenden Kulturwandel in unserer Commnity erfordern. Wie ich feststellen musste, ist die nachhaltige Dokumentation unserer Larp-Events derzeit von nachrangiger Bedeutung – viele Orgas (leider auch ich selbst) haben nicht mal ihre eigenen Larp-Ausschreibungen konsequent archiviert! Wir betrachten Larps als Spiele oder Kunstwerke, die für den Moment gedacht sind und häufig nur in unserer kollektiven Erinnerung fortleben. Das ist einerseits ein sympathischer Gedanke, sorgt aber andererseits leider dafur, dass viele kreative Leistungen für immer verschwinden werden.

Ich möchte euch daher alle dazu aufrufen, eure kreativen Larp-Projekte dauerhaft zu sichern – wenn nicht für die Nachwelt, so zumindest für euch selbst! Wahrscheinlich seid ihr sehr froh, wenn ihr in vielen Jahren eure alten Larp-Dokumente auf einem Cloud-Speicher sicher verwahrt wisst.
Darüberhinaus denke ich nun schon über den Aufbau eines systematischen Korpus von Larp-Ausschreibungen nach, um diese als zeitgeschichtliche Dokumente für die Nachwelt zu bewahren. Als notwendige Bedingung müsste dabei das Einverständnis der jeweiligen Autor*innen eingeholt und zusätzlich geklärt werden, wem wir diesen Korpus zur Verfügung stellen wollen – öffentlich für alle oder nur bei begründetem (d.h. seriösem) Forschungsinteresse?
In 20 Jahren würden wir uns über diesen Korpus vermutlich ebenso freuen wie ich heute, da ich eingescannte Ausschreibungen Jahrzehnte alter Larps einsehen durfte und dabei den Eindruck hatte, ein Fenster in die Vergangenheit aufgetan zu haben.
Davor müsste aber, wie gesagt, innerhalb unserer Community ein grundlegender Reflexionsprozess und Kulturwandel hin zu mehr Nachhaltigkeit auch in der Dokumentation greifen und eine Bereitschaft zur Beteiligung an vergleichbaren Projekten vorhanden sein. Wer weiß? Vielleicht werden eines Tages Dissertationen über die Entwicklung der Larp-Szene in Österreich verfasst werden. Ich hoffe, dass dieser Artikel einen Beitrag dazu leisten kann.

Danksagung

Es ist nicht Ziel das dieser Analyse, einzelne Orgas vergleichend zu betrachten. Bei meinen Auswertungen nehme ich deshalb keinen Bezug zu einzelnen Quellen. Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle bei all jenen bedanken, die mir bei meiner Analyse geholfen haben.

Betti Auberger und Stefan Petrovič von 1000 Atmosphären haben mich bei der Aufbereitung der Daten von larp.at unterstützt.

Zusätzlich zu den von mir selbst (mit)organisierten Larps habe ich Daten bzw. Larp-Ausschreibungen erhalten von:
Dunja-Maria Mauthner
Johannes Zajc
Klaus Zinöcker
Martina Gschwandtner
Maximilian Hofbauer
Skerolf Dickinger
Stefan Petrovič
Tino Vittori
Yvonne Leiche
und weiteren Personen, die nicht namentlich genannt werden möchten.

Technische Umsetzung

Die Auswertung habe ich mit der kostenlosen Open-Source-Software R durchgeführt.
Das R-Skript zur Auswertung könnt ihr hier einsehen.
Die Rohdaten kann ich derzeit nicht zur Verfügung stellen, weil ich meinen Quellen zugesichert habe, nur aggregierte Daten zu veröffentlichen.

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